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Samstag, 21. Januar 2017

Schaltung

Mein Bruder fragt an: "Soll ich mich wenn die Zeit näher rückt um ein kleines Auto für dich kümmern? Automatik? Farbe?"
Ich antworte: "Auto - super! Ich hatte noch nie Automatik, vielleicht lieber Schaltung. Aber im Grunde ist es wurscht. Auch die Farbe. Hauptsache nicht zu teuer und zuverlässig. Für den Transport von Walen, Känguruhs und Baumstämmen geeignet."
Er: "Mit dem Auto dachte ich dass Automatik besser wäre, dann brauchst du nicht zu schalten, der Schaltknüppel ist nämlich auf der linken Seite (weil du rechts sitzt und links fährst, macht doch Sinn oder?). In Australien sind ALLE Autos für den Transport von Walen, Kängs und Bäumen ausgerüstet..."

Der Schaltknüppel links, da ist ja wirklich alles umgekehrt. Gut, dass H. mitdenkt und ich nicht völlig unvorbereitet diese Rechts-Links-Beutelung durchstehen muss.
Am Schlimmsten ist, dass auch die Sonne da mitmacht: sie geht von rechts nach links. Ich finde, dass sie da echt übertreiben. Das hat bei mir damals in den ersten Tagen ein leichtes Schwindelgefühl erzeugt, man orientiert sich nämlich, ohne es zu merken, sehr stark an der Sonne, während man so rumläuft tagsüber.

Dann noch ein Schock:
"Du bräuchtest auch einen wetsuit (Neoprenanzug) zum Surfen und Schwimmen. Die gibt es hier für 150 Euro oder du schaust mal bei euch im Sportgeschäft rein. 3mm sollte er schon dick sein und lange Arme und Beine sind auch angenehmer. Es gibt hier so Boogiebords, man legt sich da drauf und fängt Wellen, geht ganz leicht und macht Spass. Das kannst du dann jeden Morgen an deinem Strand machen um fit zu bleiben."
Man erwartet Unmenschliches von mir! In diese Wellen soll ich rein?! An einem Strand, der roaring beach heißt! Jeden Morgen Wellen fangen? Wer wird da wen fangen?



Ich werde so einen Anzug kaufen und ihn jeden Morgen ins Meer tunken, falls mein Bruder mal zu  überraschenden Kontrollen kommt.

1829 schrieb sie in einem Brief: (...)
Als sie die Macquarie Street hinauf zu Kemps Warenhaus ging, "erfreuten mich tausend Assoziationen mit England ... Katen und kleine Häuschen, Schiffe und Geschäfte, Mädchen in ihren Holzschuhen, mit Murmeln spielende Knaben; vor allem jedoch die rosigen Gesichtsfarben und Pausbacken und die englischen Stimmen". Den einzigen Missklang stellte die gewaltige Anzahl von Schnapsläden dar - etwa fünfzig.

Nicholas Sheakespeare In Tasmanien (2004, Marebuchverlag 2005, Deutsch: Hans M. Herzog). 



Samstag, 14. Januar 2017

Monarchie

Ich war nicht ganz sicher, was mein Visum angeht und leitete H. die Mails weiter, die mir die Regierung geschickt hatte. Es stellte sich heraus: ich habe das Visum! Digital! Ich bin im Computer der Regierung und sie warten nur noch darauf, dass ich komme. Sobald ich die Grenze überschritten habe, darf ich sechs Monate bleiben. Sie haben dafür 140 Dollar haben wollen, d.h. sie buchten 100 Euro von meinem Konto ab. So einfach ist das! Toll!

Ich habe zu meiner Erschütterung lesen müssen, dass Australien kein normaler Staat ist, sondern eine konstitutionelle Monarchie! Australien! Was ist das?! Das wusste ich nicht!
Überhaupt sind sie da völlig monarchisch unterwegs: eine junge Frau (Mary Elisabeth Donaldson) aus Hobart hat den dänischen Thronfolger geheiratet. Sie wurde zur Gräfin von Monpezat aufgewertet - was man in anderen Zusammenhängen einen Upgrade nennen würde -  und wird mal so eine Art Königin von Dänemark werden, nehme ich an. Wird Dänemark sich dann Australien einverleiben? Tasmanien dänisch werden? Mitglied der EU? Die dänische Fahne über den Mauern von Sidney und Canberra wehen?


Was ist da los bei den Königshäusern? Ich kriege nichts mit.
Ich hoffe, H. kann es arrangieren, dass ich mal eine Audienz bei Hofe kriege. Wenn ich schon in einer Monarchie zu Besuch bin.

Dänemark

Tasmanien


Australien


Großbritannien


Wie Patagonien, mit dem Tasmanien in geologisch-prähistorischer Zeit verbunden war, ist es so etwas wie der Weltraum auf Erden und wird von denen im "Zentrum" als Sinnbild für alles herangezogen, was entrückt, seltsam und nicht verifizierbar ist.

Nicholas Sheakespeare In Tasmanien (2004, Marebuchverlag 2005, Deutsch: Hans M. Herzog). 



Montag, 9. Januar 2017

Post!

Ich habe Post bekommen von der australischen Regierung:

Dear U.
We have received a visa application. Your application has not yet been assessed. We will contact you as soon as your application has been reviewed and if further information is required.
You can use your transaction reference number EGZDI4LM92 in ImmiAccount to search and view your application before it has been decided. To access ImmiAccount visit our website at www.border.gov.au/Trav/Visa/Immi
Yours sincerely
Department of Immigration and Border Protection

Das ist doch nett: die Leute, die Australiens Grenzen vor mir schützen sind bereit, meinen Einreiseantrag wohlwollend zu prüfen.
Aber nicht einfach so! Nein, ich musste nicht weniger als zwanzig Seiten ausfüllen mit Fragen zu ALLEM. Ob ich kriminell sei, gewalttätig, eine Sexualverbrecherin, eine Terroristin oder schon mal jemand ermordet habe. Wie lange ich schon bei der VHS arbeite und die Telefonnummer von meinem Bruder und wie ich meinen Aufenthalt finanzieren will und ob ich Krebs habe oder schon mal in Afrika gelebt habe und wieso ich überhaupt kommen will. Und wenn ich bei irgendwas gelogen habe, dann sind sie richtig, richtig sauer, sagen sie.

Wenn das klappt und sie mich ins Land lassen, dann darf ich mich wirklich geadelt fühlen.
Allerdings habe ich jetzt auch gleich den Kampf mit den deutschen Behörden aufgenommen: ich versuche, einen internationalen Führerschein zu beantragen. Der Hürden sind kein Ende...




Freitag, 16. Dezember 2016

Über den Wolken

Ich stöbere auf den Seiten der Fluggesellschaften: ab März 2017 gibt es wohl den neuen Flugplan, momentan ist der Rückflug 2018 gar nicht zu buchen. Ich - als eingefleischte Optimistin - hätte das sonst jetzt schon gemacht.

Es war für mich gar keine Frage, dass ich diesmal Business Class buche. Ich bin ja schon mal geflogen - Economy. Ich war, von Tür zu Tür, 42 Stunden unterwegs und saß davon 26 Stunden in Flugzeugen. Und das so:
















Wie verzweifelt das Fotomodell bemüht ist, in dieser Situation zu lächeln... never ever. Der Hinflug ging ja noch, weil alles neu war und ein Abenteuer, aber auf dem Rückflug dachte ich irgendwann: "So, jetzt kann ich nicht mehr. Es geht einfach nicht mehr." Aber da waren erst 10 Stunden um...
Vor Verzweiflung stopfte ich alles in mich rein, was man mir auf diesen fiesen kleinen Plastiktabletts servierte und bekam heftige Magenschmerzen. Schaute - damals noch mit Monitor im Gang - ohne Ende Tierfilme an und wartete morgens stundenlang in einer Endlosschlange vor dem Klo, weil irgendeine unsägliche Person sich SCHMINKEN musste.

Jetzt also Business, was dreimal so teuer ist. Wenn ich nur für vier Wochen fliegen würde, hätte ich Skrupel gehabt, aber da zwischen Hin- und Rückflug ein halbes Jahr liegt, verteilen sich die Kosten ja.
Zu meiner Verblüffung bedeutet Business nicht nur Beinfreiheit, sondern dies:
  • Ob Sie zu Ihrem nächsten Termin fliegen oder Ihr neuestes Abenteuer genießen, mit den Flachbettsesseln in der Business Class kommen Sie begeistert an. Verwandeln Sie Ihren Sitz in ein vollkommen flaches Bett, um erfrischt anzukommen.
  • Versenden Sie E-Mails, schreiben Sie ein neues Kapitel Ihres Buches oder laden Sie Ihren neuesten Blog-Eintrag hoch (Ha!). Auf Ihrem Platz gibt es eine Steckdose für Ihren Laptop und einen Beistelltisch, sodass Sie Platz zum Arbeiten haben. 
  • Wählen Sie ein Getränk aus Ihrer persönlichen Minibar, lehnen Sie sich zurück und genießen Sie ein preisgekröntes Unterhaltungsprogramm.
  • Wählen Sie etwas aus unserem Angebot an regional geprägten Speisen und genießen Sie Gourmetmenüs, die Sie in die große weite Welt entführen. Unsere Köche verwenden für die Zubereitung der Speisen frische, vor Ort gekaufte Zutaten. Dinieren Sie mit exklusivem Robert Welch-Besteck von Royal Doulton-Porzellantellern. Runden Sie Ihr Mahl mit einem guten, von unseren Sommeliers ausgewählten Wein ab oder wählen Sie etwas von unserer Liste kostenloser Cocktails, Champagner, Biersorten, Spirituosen und Heiß- und Kaltgetränke. 
  • Machen Sie eine Pause, strecken Sie Ihre Beine aus und treffen Sie einige der interessantesten Leute auf der ganzen Welt in unserer A380-Bord-Lounge – exklusiv für Passagiere der First Class und Business Class. Finden Sie neue Freunde (!), während Sie sich einer Auswahl von Appetithäppchen hingeben oder einen erfrischenden Cocktail schlürfen. Sie haben die Wahl zwischen verschiedenen erstklassigen Spirituosen und Champagner, Cocktails und verschiedenen Biersorten, Heiß- und Kaltgetränken, die von unserem Barkeeper serviert werden. 
  • Unser erstklassiger Service beginnt an Ihrer Türschwelle. Reisen Sie komfortabel, sobald Sie Ihre Tür verlassen haben. Wenn Sie Business Class fliegen, buchen Sie den kostenlosen Chauffeur-Service und wir bringen Sie zum Flughafen und holen Sie von dort ab. 
  • Lassen Sie sich vor Ihrem Flug am Flughafen in unseren exklusiven Lounges inspirieren, bevor Sie auf unserem A380-Drehkreuz in Dubai direkt aus unserer Lounge in die Maschine einsteigen. 
  • An den meisten Flughäfen gelangen Sie auch schneller durch die Passkontrolle. Wenn Sie in der First Class oder der Business Class fliegen, sorgen wir für besonders schnelle Abwicklung aller Formalitäten. 
  • Wann immer Sie sich auf eine Sitzung oder Ihr nächstes Abenteuer vorbereiten, verwenden Sie unsere Verwöhnsets, um Ihre Reise erfrischt zu starten. Durch unsere Partnerschaft mit der italienischen Luxusmarke Bvlgari können wir Ihnen diese stilvollen Sets bieten, die Düfte und Lotionen von Bvlgari sowie verschiedene Verwöhnartikel enthalten. Unsere Amenity Kits für Herren aus Polyester haben einen Büffellederbesatz, und für Damen bieten wir Taschen aus Satin an. Wir überraschen Sie alle neun Monate mit einem neuen Design, jedes mit einem neuen Bvlgari-Duft: Roter Tee, Schwarzer Tee, Weißer Tee und Grüner Tee. Amenity Kits erhalten Sie auf all unseren Langstreckennachtflügen und auf Flügen, die länger als 10 Stunden dauern, damit Sie erfrischt ankommen.
 Also, das hatte ich nicht erwartet. Ich werde neue Freunde finden in der Bord-Lounge und zwar die interessantesten Leute auf der ganzen Welt, zu denen ich mich dann ja auch zählen darf! Also, meine Lieben, da sage ich schon mal "Tschüss!" Ich werde mich Appetithäppchen hingeben und Cocktails schlürfen und mich mit meinen neuen Freunden amüsieren, während Ihr weiter unten auf der Erde herumkrebst und darüber nachdenkt, ob Ihr mir vielleicht hin und wieder etwas Champagner hättet anbieten sollen.
Und der Chauffeur! Ich hatte mich schon gewundert, als ich H. am Flughafen abholte und da eine ganze Reihe von Chauffeuren mit Namensschildern in der Hand standen und gelangweilt ins Getümmel starrten. Die haben die interessanten Leute aus der Business-Class abgeholt!
Und ich darf VIERZIG Kilo Gepäck mitnehmen! Zwei Koffer! Einer mit BÜCHERN! Meine Güte... ich kann es nicht fassen.

Und so sieht das aus, da oben:















Ich werde Saxophon-Spieler kennenlernen! Die Frage ist allerdings: muss man bei der Buchung nachweisen, dass man zu den interessantesten Menschen der Welt gehört? Oder erst, wenn man in die Lounge will? Und was sind die Kriterien? Was, wenn sie rauskriegen, dass ich bei der Volkshochschule gearbeitet habe... das macht mir jetzt ein bisschen Sorgen.



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